Das Experten-Interview

zum Thema "Hafer – Arzneipflanze des Jahres 2017 – ihr Potenzial in Gesundheitsförderung, Ernährung und Dermatologie" mit Dr. Johannes Mayer, Institut für Geschichte der Medizin, Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

 

Der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg zeichnet jährlich die Arzneipflanze des Jahres aus. Nachdem in den vergangenen Jahren Pflanzen wie Kümmel, Johanniskraut und Spitzwegerich gekürt wurden, wurde im Jahr 2017 mit dem Hafer erstmals eine Getreideart ausgewählt!

Eine kompakte Zusammenfassung der Begründung zur Wahl des Hafers finden Sie hier: HAFER - ARZNEIPFLANZE DES JAHRES 2017.


 

Hafer Die Alleskörner (HDA):

Sie weisen in ihrer Bewertung des Hafers sowohl auf die ernährungsphysiologischen als auch die pharmazeutischen und dermatologischen Wirkungen von Hafer hin. Bitte erläutern Sie für uns die dermatologischen Wirkungen ein wenig. Welche Substanzen in Stroh und Kraut wirken hauptsächlich und auf welche Weise?

 

Dr. Mayer:

Haferstroh und Haferkraut wirken vor allem über ihre sekundären Pflanzenstoffe Flavonoide und Saponine (Triterpensaponine). Flavonoide haben eine entzündungshemmende und Saponine eine immunmodulierende, d. h. das Immunsystem stabilisierende Wirkung. Beim Haferstroh kommt noch Kieselsäure hinzu, beim Haferkraut ein hoher Gehalt an B-Vitaminen sowie an Magnesium, Phosphor, Eisen, Zink, Kupfer, Kalium und Calcium.

Haferstroh ist das getrocknete, zerkleinerte und gereinigte Stroh des Hafers. Haferkraut wird noch vor der Blüte nach einer Wachstumsphase von nur etwa 10 bis 12 Wochen geerntet, meist im Mai, der Zeitpunkt ist jedoch vom Wetter im Frühjahr abhängig. Dazu wird eine speziell ausgewählte Sorte des Saathafers angebaut. Für Allergiker ist es besonders wichtig, dass dieser Hafer noch aufgereinigt wird, so dass kaum noch Proteine, wie Gluten, enthalten sind.

Jüngere Studien haben gezeigt, dass dermatologische Produkte mit Haferstroh oder -kraut (Creme, Salbe, Badezusatz) nicht nur gegen Hautentzündungen mit Juckreiz helfen und eine beruhigende, feuchtigkeitsspendende Wirkung besitzen, sondern auch gegen das Bakterium Staphylococcus aureus, das Hautentzündungen und andere Entzündungen hervorrufen kann, eine Anti-Haft-Wirkung haben. 

 

HDA:

Können aus Haferflocken oder Hafermehl selbst hergestellte Salben, Masken oder Bäder den gleichen Effekt haben?

 

Dr. Mayer:

Selbsthergestellte Gesichtsmasken oder Salben aus Haferkorn haben auf jeden Fall eine entspannende, erfrischende, feuchtigkeitszuführende Wirkung auf die Haut!

Für eine Gesichtsmaske nimmt man am besten fein gemahlene Haferflocken, fein gemahlene Mandeln und feine Heilerde zu gleichen Teilen, mischt alles gut durch und bereitet mit etwas Wasser einen Brei zu, der dann auf die Haut aufgetragen werden kann.

 

 

HDA:

Welche Inhaltsstoffe des Haferkrauts sind im Tee wirksam?

 

Dr. Mayer:

Es ist nicht bekannt, welche Inhaltsstoffe des Haferkraut-Tees medizinisch wirksam sind. Vermutlich spielen auch hier die Flavonoide eine gewisse Rolle.

 

 

HDA:

In einem Interview haben Sie gesagt, dass der Nutzen des Hafers als Arzneipflanze bereits in der Antike bekannt war. Wie und zu welchem Zweck wurde Hafer damals genutzt und angewendet?

 

Dr. Mayer:

Seit der Antike wurde vor allem das Korn verwendet und verarbeitet, und zwar als Salbe bei Hautproblemen und zur Wundbehandlung, als Haferschleim auch bei Entzündungen der Schleimhäute im Mund und Rachenraum sowie gegen Durchfall. In der frühen Neuzeit wurde dann das Haferstrohbad bei Hauterkrankungen, vor allem bei Kindern, immer beliebter.

 

 

HDA:

Sie haben auch geäußert, dass das diätetische und therapeutische Potenzial des Hafers noch nicht ausgeschöpft sei. In welchen Bereichen bei den ernährungsphysiologischen und ggf. auch bei den pharmazeutischen und dermatologischen Wirkungen sehen Sie besonderes Forschungspotenzial für den Hafer? Wirkung im Magen-Darm-Trakt, auf das Herz-Kreislauf-System (z. B. Blutdruck), bei Insulinresistenz und Diabetes mellitus Typ 2 (Stichwort „Hafertage“, die Sie ja auch erwähnen), hinsichtlich Zöliakie und Glutensensitivität, in der Krebsprävention, bei Rheuma, andere Gebiete?

 

Dr. Mayer:

Für die Dermatologie gibt es bereits gute Ansätze in der Forschung, sie sollten jedoch noch durch weitere Studien ergänzt werden.

Der Einsatz bei Insulinresistenz und Diabetes mellitus Typ 2 und die Wirkung auf den Magen-Darm-Trakt sollte möglichst schnell intensiver erforscht werden, um die bisherigen Erkenntnisse noch besser abzusichern. Auf diesen Gebieten besteht angesichts der Ausbreitung zum Beispiel des Metabolischen Syndroms und der Herz-Kreislauferkrankungen wirklich großer Bedarf! Das schließt Zöliakie und Glutensensitivität mit ein.

 

 

 

Abschließend würden wir gern noch ein wenig über die Arbeit und die Auswahlkriterien des Studienkreises erfahren.

 

HDA:

Wie arbeitet der Studienkreis? Gibt es regelmäßige Treffen, so dass Sie kontinuierlich über das Jahr hinweg an der Auswahl der Arzneipflanze des Jahres arbeiten? Oder ist dies ein zeitlich begrenzter Prozess?

 

Dr. Mayer:

Der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ trifft sich regelmäßig während der Vorlesungszeit im Rahmen des Seminars „Grundlegen der Phytotherapie“ am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg. Die endgültige Entscheidung wird während des Sommersemesters des Vorjahres getroffen.

 

 

HDA:

Wie gehen Sie bei den Recherchen und der Auswahl der Arzneipflanze des Jahres vor? Gibt es bestimmte festgelegte Kriterien, die eine Pflanze für die Wahl erfüllen muss?

 

Dr. Mayer:

Die „Arzneipflanze des Jahres“ sollte eine anerkannte Arzneipflanze sein, die von der Kommission E* in den 1980iger oder 1990iger Jahren oder von den europäischen Gremien ESCOP* oder HMPC* eine positive Monographie bekommen hat. Darüber hinaus sollte eine Tradition in der Anwendung in Europa von wenigstens 100 Jahren bestehen.

Wünschenswert sind neuere Erkenntnisse zu der Pflanze (z. B. über wissenschaftliche Studien). Auch eine geringe Bekanntheit der arzneilichen Wirkung einer Pflanze kann ein Kriterium sein. Es wurden auch schon Vorschläge von Stellen außerhalb des Gremiums, etwa vom WWF und von der Universität Heidelberg, aufgenommen.

 

 

HDA:

Wie viele Personen aus welchen Bereichen gehören dem Studienkreis an?

 

Dr. Mayer:

Der Studienkreis umfasst etwa 10 Personen (mit geringem Wechsel) aus den Fachbereichen Pharmazie, Medizin, Biologie und Medizin- sowie Pharmaziegeschichte.

 

 

 

 

* Kommission E: selbstständige, wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel des ehemaligen Bundesgesundheitsamts (BGA) und des heutigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Deutschland.

* ESCOP: European Scientific Cooperative on Phytotherapy, europäischer Dachverband von nationalen Gesellschaften für Phytotherapie

* HMPC: Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel, Fachgremium der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA)